Wetten
dass ....!
Gehört der Weltmeister im Kirschkernspucken in einem liberalen Weltbild zur Elite?
von Dr. Solveig Palm
Man braucht nur das Guinness-Buch der Rekorde aufzuschlagen, schon findet man eine
komplette Zusammenstellung weltweiter Eliten in allen Kategorien: alles Weltmeister, die
hier versammelt sind, nach Maßstäben von Bildung und Leistung ebenso wie in Fragen des
Reichtums, des Schachspielens oder auch des Guinness-Saufens.
Alle nicht selbst ernannt, sondern in harten, objektiven Prüfungsverfahren (Siehe
Guinness-Show im Fernsehen oder auch hoch offiziellen Weltmeisterschaften und sonstigen
Rankingverfahren) ermittelt...
Erste Regel: Wenn Liberale sich über Elitebegriffe unterhalten, sollten sie es tunlichst
vermeiden, sofort von sich selbst zu sprechen, sondern sich lieber darüber unterhalten,
welche Arten von Elite denn im liberalen Geiste für eine/unsere Gesellschaft
wünschenswert wäre.
Zweite Regel: Wenn es unserem Weltbild im Großen und
Ganzen entspricht, die Verschiedenartigkeit der Menschen gutzuheißen, kann daraus nur
folgen, dass es auch sehr viele, verschiedenartige Kriterien für Elite geben kann.
Wir sollten nicht wie einst der Sozialismus in den Fehler verfallen, einen
liberalen Idealmenschen zu konstruieren, den wir dann mit staatlichen
Erziehungs- oder Sanktionsmechanismen versuchen zu erziehen. Vielmehr müssen wir doch aus
den Fehlern des Sozialismus die Lehre ziehen, dass man den Menschen in den Bedingungen
seiner Wirklichkeit erkennen muss, um daraus ein geeignetes Gesellschaftsmodell
abzuleiten. Ist aber damit das Guinness-Buch unser einziger möglicher Maßstab?
Fallgruben liberaler Elitediskussion
Wenn Liberale die möglichst ungehinderte, freie Entfaltung einzelner Individuen als
angeblich bestes Mittel zur Beförderung der Gesellschaft fordern, verlieren sie bisweilen
aus dem Auge, dass die Gattung Mensch sich nicht aus autarken Einzelwesen zusammensetzt,
sondern sich in arbeitsteiligen Gesellschaften organisiert. Der einzelne Mensch ist a
priori auf die Gemeinschaft mit seinesgleichen angewiesen; nicht nur aus Gründen
zivilisatorischer Bequemlichkeiten, die sich durch die Arbeitsteilung ergeben, sondern
auch aus unaufhebbaren psychosozialen Notwendigkeiten. Die Brutpflege und
Erziehung eines Menschen ist ebenso wenig durch Maschinen ersetzbar, wie die Kommunikation
und Zuwendung Erwachsener untereinander. Das Modell Mensch ist biologisch als
Gesellschaftswesen bedingt (in der totalen Einsamkeit wäre er selbst bei vorhandener
Alimentation zum Tode verurteilt) und zivilisatorisch von einer komplexen Arbeitsteilung
abhängig geworden.
Diese scheinbare Selbstverständlichkeit muss Liberalen offenbar immer mal wieder in
Erinnerung gerufen werden, denn immer wieder hört man Sätze, wie: dass ich im
wesentlichen ein freies Individuum bin, erkenne ich daran, dass ich alle fundamentalen
Fragen in meinem Leben (schon welchen Pullover ich morgens anziehe oder ob ich mir die
Zähne putze) selbst entscheiden kann. Geradezu putzig die Vorstellung, dass dies ohne
Gesellschaft denkbar ist, denn weder dürfte der Pullover der eigenen Schafzucht
entstammen, noch putzt man sich die Zähne mit dem Finger am kalten Bachlauf.
Vielen solcher Individualisten ist offenbar in Vergessenheit geraten, in welchem Maße sie
auf das Funktionieren einer überaus komplexen Gesellschaftsorganisation angewiesen sind.
Was hat dies nun mit dem Elitebegriff zu tun?
Elite kann nie allein aus einer Person erklärt werden. Auch wenn es eine
außerordentliche Leistung sein mag, Weltmeister im Pfahlsitzen oder im Lastwagen-Heben zu
sein, so kann der Elitebegriff nur im Zusammenhang mit der Frage bewertet werden, welchen
Wert eine außerordentliche Leistung für ein funktionierendes Zusammenleben der Menschen
hat.
Sind Individuum und Gesellschaft zu Gegensätzen geworden?
Das Getriebe der Gesellschaftsorganisation ist offenbar an einigen Stellen ins Knirschen
geraten. Der notwendige Schmierstoff, die Verständigung über Pflichten und
Verantwortung im Sinne der Gemeinschaft, also das, was man landläufig unter einem
Wertesystem versteht, ist unverbindlich geworden. Versuchen Liberale, sich über Werte zu
verständigen, landen sie allzu leicht bei der Antwort, dass auch Werte individuell
wählbar sein sollten. Die Frage, wie meine Rechte als selbst bestimmter Mensch mit meinen Pflichten und
meiner
Verantwortung in einer Gesellschaft abgeglichen werden können, sind offenbar fast nicht
mehr zu beantworten, was höchstwahrscheinlich mit der gigantisch gewachsenen Komplexität
der Gesellschaft zusammenhängt. Innerhalb der Familie oder im früheren
Verständnis der Sippe, der Dorfgemeinschaft war es noch für jeden
Einzelnen nachvollziehbar, welches Verhalten in der Gruppe angemessen war. Auch die
nationale Identität war am historischen Beispiel Deutschland schon schwer
zustande zu bringen aufgrund der quantitativen und qualitativen Komplexität dieser
Gruppe. Immerhin: dies war einst gelungen bis hin zur emotionalen Identifizierung, die
irgendwann überschwappte. Aus der historischen Erfahrung wird die
Gruppenidentifikations-Größe Nationalität heute tendenziell negiert. Aber
retten wir uns wirklich, wenn wir uns in noch größere Einheiten flüchten?
Heute sprechen wir von der globalen Gesellschaft, von one world, zumindest
aber vom einigen Europa, als könne eine Gemeinschaft dieser Größenordnung per Dekret
funktionieren. Haben wir nicht alle das ungute Gefühl, dass dies - bisher zumindest -
Kopfgeburten sind? Wann und wie wird man tatsächlich das Gefühl einer
Zusammengehörigkeit in einer Größenordnung entwickeln können, die kein Gegenüber,
d.h. keine Abgrenzung nach außen mehr kennt? Gehen uns mit der fehlenden Abgrenzung nach
außen nicht auch Möglichkeiten für Maßstäbe verloren, die wir in den kleineren
Binnenstrukturen noch dringend brauchen, d.h. Ähnlichkeit, Vertrautheit, Verständigung
und Verstehen, und damit Toleranz und Solidarität?
Lässt sich Elite ohne verbindliche
gesellschaftlichen Maßstäbe definieren?
Wahrscheinlich nicht. Elite im wohl verstandenen Sinne, kann jedenfalls nie derjenige
sein, der sich auf Kosten der Gemeinschaft erhebt, sondern nur der, dem es gelingt, durch
seine eigene Leistung oder sein Verhalten das Funktionieren der Gemeinschaft insgesamt zu
befördern.
Manchmal ist dies leicht zu beantworten, oft aber schwer. Es mag Vereinbarungen von
Menschen untereinander geben, die im unmittelbaren Sinne keine Auswirkung auf die
Gemeinschaft haben, im übertragenen Sinne aber doch. Zwei berühmte Beispiele aus
jüngster Vergangenheit belegen, dass ein liberales Gesellschaftsverständnis an Grenzen
gestoßen ist, die neu diskutiert werden müssen: Können oder müssen wir es in einer liberalen Gesellschaft zulassen, dass zwei Menschen
miteinander zur beiderseitigen Zufriedenheit verabreden, sich aufzufressen?
Zweites Beispiel: Kann ein Vorstandsvorsitzender eine
Zig-Millionenabfindung damit rechtfertigen, dass er den "shareholder value" der neuen
Gesellschaftsform verbessert ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Auswirkungen
dieses Ergebnisses? Können diese beiden Formen des Kannibalismus, der individuelle und
der des unfriendly take over globaler Konzerne jenseits gesellschaftlicher
Verantwortung stattfinden?
Zugegeben: diese Fragen sind aufgrund der Komplexität der Kriterien nicht leicht zu
beantworten. Fest steht immerhin so viel: Zum Funktionieren der Gesellschaft gehören
nicht nur leistungsstarke Vorstandsvorsitzende, sondern auch charakterlich geeignete
Erzieher, engagierte Eltern, verantwortungsbewusste Müllentsorger, integrationswillige
ausländische Mitbürger... all dies sind auch im liberalen Sinne Kriterien.
Bescheidenheit bei der Festlegung der Kriterien ist sicherlich ratsam, denn wie oft hat
sich die Welt nicht geirrt in ihrer Elitebildung: van Gogh verkannt, Caspar David
Friedrich und Gregor Mendel 200 Jahre vergessen, Stalin und Kim Jong Il nicht verhindert
(um nicht immer nur den gleichen zu nennen), ganz zu Schweigen von der Frage was man nun
hier und heute von Guildo Horn, Dieter Bohlen oder armen Geschöpfen wie Daniel Küblböck
in dieser Hinsicht zu halten hätte. Welch ein Armutszeugnis, wenn die unser
Gesellschaftsverständnis repräsentieren müssen!
Lasst uns also weiter streiten!
Solveig Palm

Top 
